THE J. PAUL GETTY MUSEUM LIBRARY

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KUNSTWERKE

UND

KÜNSTLER

IN

ENGLAND UND PARIS.

VON

Dr. G. F. WAAGEN,

DIRECTOR DER GEMAEDEGALLERIE DES KÖNIGL. MUSEUMS ZU BERLIN.

ERSTER THEIL.

ENGLAND, erste abtheilung.

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KUNSTWERKE

UND

KÜNSTLER

IN

ENGLAND und PARIS.

VON

Br. G. F. WAAGEN,

DIRECTOR DER GE3IÄLDEGAL1ERIE DES KÖN1GL. 3ICSEVJIS ZV BERLIN.

ERSTER THEIL.

BERLIN.

IN DER NICOLAISCHEN BUCHHANDLUNG,

1837.

UND

KÜNSTLER

IN

ENGLAND.

VON

Br. G. F. WAAGEN,

UIRECTOR »ER GEMALDEGALLER1E DES KÖNIGE. MUSEITJIS ZU BERLIN.

BERLIN.

IN DER NICOLAISCHEN BUCHHANDLUNG.

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J. PAUL GETTY

MUSEUM LIBRARY

Ich übergebe diese Briefe dem Publicum nicht ohne einige Scheu, denn je mehr ich mich be- müht habe, in die eigenthümliche Geistesweise von Werken bildender Kunst einzudringen, desto mehr empfinde ich, wie unzulänglich die Sprache ist, das eigentliche Wesen derselben auszudrük- ken und wieder zu geben. Zudem ist über Künst- ler und Kunstwerke in England erst vor einigen Jahren durch das Werk meines Freundes, des Malers Passavant, ausführlichere Kunde verbrei- tet worden. Da indefs mein Standpunkt allge- meiner ist, so dafs ich mich sowohl über die Werke der antiken Kunst, als über die der mit- telalterlichen und modernen in ihren hauptsäch- lichsten Zweigen ausspreche, ich auch verschie- dene wichtige Sammlungen gesehen, welche Pas- savant nicht besucht hat, so wird mein Buch für viele Gegenstände eine Ergänzung des seinigen abgeben, und, wo beide dieselben Puncte be- rühren, bestätigend oder abweichend immer eini- ges Interesse gewähren. Aufserdem aber trägt es durch die Art seiner Entstehung einen ganz anderen Character. Den eigentlichen Grundbe- stand desselben bilden die Briefe, wie ich sie an

VI

Vorrede.

meine Frau geschrieben. Mit diesen habe ich dann den Inhalt meines Tagebuchs zu verschmel- zen gesucht. Hierbei kam es mir nun einerseits auf eine allgemein verständliche Belehrung an, weshalb ich mich genöthigt gesehen, theils allge- meinere Standpuncte für die einzelnen Erschei- nungen der Kunst fest zu stellen, theils über manche Zweige derselben etwas weiter auszuho- len, als es für den mit der Kunstgeschichte Ver- trauten erforderlich gewesen wäre. Andererseits aber habe ich die Erweiterungen meiner wissen- schaftlichen Kunde über Kunstgeschichte darin niedergelegt. Ha nun in unseren Tagen einige Kenntnifs von der Geschichte und dem Wesen der bildenden Künste eine Art geistiges Bedürf- nifs zu werden anfängt, es aber bisher an popu- lairen Mittheilungen darüber fehlt, dürften Man- chem vielleicht diese Briefe, als der leicht fafs- liche Ausdruck mehrseitiger Kunststudien, will- kommen sein. Aber auch der Kenner der Kunst- geschichte wird wenigstens darin eine nicht un- beträchtliche Anzahl von neuen, oder minder be- kannten Thatsachen linden, und somit das Buch ebenfalls nicht ohne alle Befriedigung aus der Hand legen. Jeder, welcher sich ernsthaft mit dergleichen Studien befafst, kennt die grofse Schwierigkeit derselben, und weifs, dafs auch die vielseitigste und längste Erfahrung nicht vor einzelnen Irrthümern schützt. Geistige Stimmung, gröfsere oder geringere Mufse bei der Betrach- tung, Beleuchtung und Aufstellung eines Kunst- werks üben bei dessen Beurtheilung grofsen Ein- flufs aus. Jedenfalls bin ich mir bewufst, dafs mich ein redliches Streben nach Wahrheit über- all geleitet, und ich mir meine Ueberzeugung

Vorrede.

VII

jederzeit selbstständig gebildet habe. Alle Ur- theile in diesen Briefen sind an Ort und Stelle gefällt, und nur Einzelheiten der Beschreibun- gen, so wie manche rein historische Notizen spä- ter nachgetragen worden. Als Leitfaden im All- gemeinen verdanke ich dem Buche von Passavant am meisten. Für einzelne Notizen sind mir be- sonders folgende Bücher nützlich gewesen: Me- moirs of Paintbig by IV. liuchanan. 2 Vol. 8. Dieses Buch enthält über die Einführungen von Bildern in England seit der Revolution sehr aus- führliche und interessante Nachrichten.

John Smith. A Catalogue raisonne of the works of the most eminent dulch , flemish and french painlers. Von diesem Werke sind seit dem Jahre 1829 sieben Bände im gröfs- ten Octav erschienen. Obgleich es darin nicht an mancherlei Irrthümern und Wiederholungen fehlt, ist der Gedanke, beurtheilende Verzeich- nisse aller vorhandenen Malereien der gröfstcn Meister jener Schulen zu geben, doch sehr glück- lich und füi1 die Kenntnifs jener Meister unge- mein förderlich. Jeder Billige wird auch zuge- ben, dafs bei der Schwierigkeit eines solchen Un- ternehmens nicht gleich das Vollkommene zu lei- sten ist, und das Gegebene dankbar als ein Vor- läufiges annehmen, woran zu bessern und worauf fortzubauen ist. Hr. Smith zeigt sich in diesem Buche als einen feinen Kenner. So manche Ur- theile über Bilder, welchen man nicht beipflichten kann, rühren mehr aus Rücksichten auf deren Be- sitzer, als aus Mangel einer besseren Einsicht her.

C. J. Nieuwenhuys. A remew of the lives and works of some of the most eminent Painlers. London 1834. 1 Vol. gr. 8. Dieses

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Vorrede.

Buch enthält ausführliche Notizen über ausge- zeichnete Bilder aus verschiedenen Schulen, worin sich der Verfasser als ein vollendeter Kenner be- währt.

Allan Cunningham. Tlte lives of the most eminent British Pointers , Sculplors and Architects. 6 Vol. in 12. Durch eine leichte | und geistreiche Schreibart hat der Verfasser nicht allein ein belehrendes, sondern auch ein unter- haltendes Buch geliefert. In vielen Fällen mufs t selbst der Ausländer, welcher die englische Kunst doch mit anderen Augen betrachtet, als der Ein- heimische, seinen Urtheilen beipflichten.

So manches Andere verdanke ich den inter- essanten mündlichen Mittheilungen meines Freun- des, des Herrn Edward Solly. Auch Herr John Murray junior, der Sohn des bekann- ten Buchhändlers, hat durch Uebersendung seltner Cataloge meine Arbeit sehr gefördert. Beiden spreche ich hiermit meinen herzlichen Dank aus.

Ganz besonders mufs ich endlich die grofse Liberalität rühmen und dankbarlichst anerken- nen, mit welcher so viele Besitzer von Kunst-1 Sammlungen mir den freien Zutritt zu denselben gestattet haben. Die beifällige Art, womit manche derselben meine sehr freinaüthigen Urtheile über von ihnen hochgehaltene Kunstwerke aufgenom men, hat mir gezeigt, dafs es ihnen mehr uml die Wahrheit, als um die Befriedigung einer ein gebildeten Sammlereitelkeit zu thun ist, und zeugt von einer eben so hohen als seltnen Bildung i welche mich eine ähnliche Aufnahme vieler hieii Öffentlich ausgesprochenen Urtheile hoffen läfst.

Um diesen Briefen einen bleibenden Wertl als Führer für die Kunstschätze in England zi

ver

Vorrede.

ix

verleihen, habe ich mich vorzugsweise über sol- che Sammlungen verbreitet, welche nicht so leicht dem Schicksal der Zerstreuung unterliegen möch- ten. Manche der letzten Art sind indefs zu be- deutend, als dafs ich sie ganz mit Stillschweigen hätte übergehen dürfen. Aus anderen mufsten wenigstens einzelne ausgezeichnete Bilder erwähnt werden. Die Artikel über die wichtigen Sammlun- gen der Herren Coesvelt, Sir Charles Bagot und Esdaile habe ich ganz unterdrückt, indem die beiden ersten seitdem theilweise oder ganz ver- einzelt worden sind, letzterer nach dem Fall des Hauses Esdaile wohl ein Gleiches bevorsteht. Wenn ich ein ähnliches Verfahren in Beziehung auf die ebenfalls seitdem gröfstentheils versteigerten Sammlungen des Herrn Ottley nicht beobachtet habe, so ist dieses theils geschehen, weil dieselben in England einzig in ihrer Art waren, theils weil ich diesem werthen Freunde ein Andenken zu stiften wünschte.

So manche eingestreute Bemerkungen über anderweitige Gegenstände habe ich nicht unter- drücken wollen, weil sie, wenn vielleicht auch nicht neu, doch das Gepräge des augenblicklich Erlebten tragen, und dazu dienen, die Betrach- tungen über Kunst, welche ohnedem durch Ein- förmigkeit leicht ermüden möchten, bisweilen zu unterbrechen.

Der zweite Band wird vornehmlich Nach- richten über die Sammlungen enthalten, welche auf den Landsitzen in ganz England zerstreut sind.

In dem dritten Bande, welcher von den Kunst- schätzen in Paris handeln wird, gewährt mir die Betrachtung der reichen Gemäldegallerie des Lou- t m

Vorrede.

vre nach den verschiedenen Schulen und Epo- chen den Vortheil, dafs sie zugleich eine zusam- menhängende Uebersicht der Geschichte der Ma- lerei abgiebt. Einige Nachrichten über den au- fserordentlichen Schatz von Miniaturen in den Manuscripten der königlichen Bibliothek, welche i Denkmäler vom 7. bis zum 18. Jahrhundert um- fafst, und sich über die meisten gebildeten Na- i tionen Europa’s verbreitet, werden sich jener Uebersicht ergänzend anschliefsen. Ich darf mir vielleicht um so eher einiges Interesse hierfür ; versprechen, als weder die Gallerie des Louvre j noch jene Miniaturen bisher aus dem kritisch- ) kunsthistorischen Standpunkte betrachtet worden sind. Einige Bemerkungen über die sonstigen Abtheilungen der Kunstsammlungen des Louvre I und der Bibliothek, über die namhaftesten Pri- vatsammlungen, wie über die bedeutendsten Lei- stungen der modernen Zeit im Bereich der Ar- I chitectur, Sculptur und Malerei werden den Be- schlufs machen.

Berlin, den 30. Juli 1837.

Der Verfasser.

Inhalts-Anzeige.

Erster Brief. (Seite 1.)

Hamburg. Erwachtes Kuustleben dort. Chateauneuf Erwin und Olto Spekter. Bild von Overbeck. Syndicu« Sieveking.

Zweiter Brief. (Seite 8.)

Ueberfahrt nacli London. Eindruck der Themse und der Stadt. Ankunft bei Herrn Edward Solly. Vorlesung von Faraday.

Brüter Brief. (Seite 16.)

Physiognomie von London. Bauart, Architectonische Mifsgeburten von Nash. Clubliäuser. Geschichte des Sam- melns von Kunstwerken in England. König Heinrich VHI. König Carl I. Umfang und Gehalt seiner Sammlungen. Kunstwerke des Grafen Arundel und des Herzogs von Buckingham. Schicksale dieser Kunstschätze. Die Kö- nige Carl II. und Jacob II. als Sammler. Character der Privatsammlungen des 18. Jahrhunderts.

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Inhalts - Anzeige.

Vierter Brief, (Seite 41.)

Besuch bei dem Herzog von Sutherland. Dessen Pa- lais. Verfolg der Geschichte des Sammelns. Reiche Kunst- ernte seit der französischen Revolution. Gallerie Orleans. Sammlung Calonne. Erwerbungen in Italien, den .Nieder- landen, Spanien und Frankreich. Richtung des National- Geschmacks. Namen der wichtigsten Sammler. Sammeln von Handzeichnungen, Manuscripten mit Miniaturen, Niel- len, Kupferstichen und Holzschnitten. Sammeln von Scul- pturen. Lord Eigins Erwerbungen von Marmoren. Samm- ler von Anticaglien.

Fünfter Brief, (Seite 66.)

Concert alter Musik. Rubini. Die Malibran. Engli- sche Musik. Das britische Museum. Entstehung und Be- stand. Aegyptische Kunstwerke. Character derselben, Ein- druck der Colosse. Sculpturen vom Parthenon. Rund- werke. Was dieselben von anderen unterscheidet. Meto- pen und Fries. Deren Stylgesetze. Sculpturen vom Tem- pel des Theseus. Fries von Phigalia.

Sechster Brief, (Seite 94.)

Besuch bei dem Herzog von Devonshire. Claude Lor- rains Liber veritatis. Britisches Museum, Verfolg. Terre cotte der Townleyschen Sammlung. Sonstige griechische und römische Sculpturen in Marmor und Bronze. Persi- sche und indische Sculpturen. Anticaglien. Portlandvase. Brönstedtsche Pectoralien. Payne Knight s Bronzen.

Siebenter Brief, (Seite 116.)

Concert alter Musik. God save the King. Lablachc. Giulietta Grisi. Gesellschaft bei Lord Francis Egerton. Britisches Museum, Verfolg. Handzcichnungen und Ku- pferstiche. Pax des Finiguerra. Relief von A. Dürer.

Inhalts- Anzeige. xm

Achter Brief. (Seite 132.)

Britisches Museum, Sehlufs. Manuscripte mit Minia- turen. Unterscheidender Character der angelsächsischen und altenglischen von denen des Continents. Französische Miniaturen. Italienische Miniaturen. Diner hei Hm. Call- cott, Madame Callcott. Werk über Giotto. Der Maler Ilr. Eastlake. Ausstellung von Bildern in der British -In- stitution. Lord Howe. Parthie nach Windsor. Die Kö- nigin von England. George Hall, Halle für den Orden des Hosenbandes, Waterloohall. Gemüldegallerie. Zim- mer für van Dyck, Zimmer für Rubens. Georgscapelle. Cottage der Königin. Abend bei Lord Francis Egerton.

JSTeunter Brief. (Seite 181.)

Nationalgallerie. Entstehung derselben. Italiener. Chri- stus zwischen den Pharisäern, angeblich Lionardo da Vinci. Auferweckung des Lazarus von Sebastian del Piomho. Ecce homo, Erziehung des Amor und Vierge au panier von Cor- reggio. Maria in der Glorie von Parmegianino. Bacchus und Ariadne von Tizian. Domine quo vadis von Anni- bale Carracci. Bilder des Claude Lorrain und Gaspard Poussin. Bacchischer Tanz von Nicolas Poussin. Nieder- länder. Die Segnungen des Friedens und Landschaft von Rubens. Portrait angeblich des Gevartius von van Dyck. Die Ehebrecherin von Rembrandt. Landschaft mit Vieh von A. Cuyp. Englische Schule. Entstehung und Cha- racter derselben. Hogarth’s Mariage a la Mode. Sir Josua Reinolds. Portrait von Elliot. Bilder von B. West, Wil- son, Gainsborough. D. Wilkie. Character seiner Bilder. Der blinde Fiedler.

Zehnter Brief. (Seite 240.)

Ball bei dem Herzog von Devonshire. Schönheit der Engländer und Engländerinnen. Deren Ursachen. Treff-

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Inhalts - Anzeige.

liehe Bilder in Devonshirehouse aus der italienischen, fran- zösischen und niederländischen Schule. Der Architect Wil- liam Wilkins. Gebäude der Nationalgallerie in Cliaring Crofs. Gemälde des Herrn Wilkins. Frühstück hei dem Herzog von Devonshire zu Chiswick. Gemäldesammlung daselbst. Abend bei dem preufsischen Generalconsul Hrn. Hebeier. Die Malibran als Fidelio. A erehrung der Eng- länder für deutsche Musik. Hohe Ausbildung derselben I durch Händel, Sebastian Bach, Gluck, Haydn, Mozart und Beethoven. Bedeutung deutscher Musik, der Kunst der alten Welt gegenüber.

Bilfter Brief. (Seite 275.)

Frühstück bei Hrn. Eastlake. Besuch bei Sir Robert i Peel. Gewählte Bildersammlung aus der flamändischen und holländischen Schule. Chapeau de Paille von Rubens. Conversations- u. Bambocciadenmaler. Thiermaler. Land- schaftsmaler. Seemaler. Architectunnaler. St. Pauls- kirche. Diner in Blackwall. Character der englischen j Küche. Besuch bei S. k. H. dem Herzog von Sussex. Manuscripte mit Miniaturen in dessen Bibliothek. Diner bei Hrn. John Murray. Besuch bei Lord Farnborough und Bilder bei ihm.

Zwölfter Brief. (Seite 315.)

Bridgewatergallerie. Römische Schule, die Madonna mit der Fächerpalme von Raphael. Lombardische Schule. Venezianische Schule. Die drei Lebensalter. .. Venus a la coquille Diana und Aktäon, und Diana und Callisto von Tizian. Bolognesische Schule. Der heilige Gregor von Annibale Carracci. Claude Lorrain. Französische Schule. Die sieben Sacramente von N. Poussin. Spanische Schule. Flamändische Schule. Holländische Schule. A. Cuyp. An- sicht der Maas. W. van de Velde s Einfahrt zum Texel. Salt s Sammlung ägyptischer Alterthümer. Diner bei S k. H. dem Herzog von Sussex. der Maler Hr. Wilkie

Inhalts- Anzeige. xv

Interesse des Herzogs von Sussex'an Kunst und Wissen- schaft.

Dreizehnter Brief , (Seite 360.)

Parthie nach Hamptoncourt. Die Cartons von Raphael, ihre Geschichte, ihr künstlerischer Character. Raphael’s Antheil daran. Der Tod des Ananias. Der Zauberer Ely- mas. Heilung des Lahmen. Der wundervolle Fischzug. Paulus zu Lystra. Paul’s Predigt zu Athen. Weide meine Schaafe. Triumph des Julius Cäsar von A. Mantegna. Bildnisse berühmter Personen. Sonstige Bilder. Altitalie- nische Bilder bei Joung Ottley. Vorliebe der Engländer für Milton und Michelangelo. Heinrich Fuseli. Ottley’s Sammlung alter Miniaturen.

Vierzehnter Brief, (Seite 404.)

Besuch bei dem Poeten Rogers. Kunstwerke von Flaxman, Stothard, Sir Josua Reinolds. Aeltere Bilder. Christus und Magdalena von Tizian. Triumphzug nach Mantegna von Rubens. Handzeichnungen. Kupferstiche. Miniaturen. Sculpturen. Antiker Schmuck. Griechische Thonvasen. Bilder von James Barry. Ausstellung mo- dern englischer Kunst in Somersethouse. Gesammtein- druck. Bilder von Wilkie, Eastlake, Landseer, Callcott, und C. Stänfield. Maler in Wasserfarben Sculpturen. Ur- sache des wenigen Geschmacks daran in England. Natu- ralisten und Idealisten. F. L. Chantry. R. Westmacott. E. H. Baily. G. Rennie. T. Campbell. Besuch bei dem Maler J. Martin. Dessen Bilder.

J fünfzehnter Brief, (Seite 435.)

Fest des Blumen- und Gartenvereins. Sinnesart und Bildung der Frauen in England. Besuch bei den Herren Woodborn. Nielloplatten. Schwefelabdrücke. Cartons. Zehn Köpfe aus dem Abendmahl von Lionardo da Vinci.

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Inhalts - Anzeige.

Parthie nach Hendon. Handzeichnungssammlung des ver- storbenen Sir Thomas Lawrence. Raphael. Michelangelo. Dürer. Rubens. Van Dyck. Rembrandt. Claude Lor- rain. Nicolas Poussin. Spanische Miniaturen aus dein 15ten Jahrhundert. Seltne Kupferstiche. Museum von John Soane. Northhumberlandhouse. Familie Cornaro von Tizian.

Anlage A. (S. 457.)

Verzeichnis der vorzüglichsten Gemälde der Samm- lung Carl’s I. von England.

Anlage B. (S. 492.)

Verzeichnis der Gemälde aus der Gallerie Orleans, welche im Jahre 1792 nach England gebracht und dort verkauft worden sind.

Erster Brief.

Hamburg, den 12. Mai 1835.

So wäre icli denn glücklich in meiner Vaterstadt an- gekommen! Dieses Glücklich war indefs mein* nega- tiver als positiver Art; denn weder die Natur noch die Wohnorte der Menschen sind auf der Strafse hier- her geeignet, einen auf eine bedeutende Weise an- zuregen. Wohl aber mufste ich mein Loos preisen, dafs in der Schnellpost höchst seltener Weise nur sehr mäfsig Taback geraucht wurde. Denn in der Regel wird mir diese sonst so preisliche Anstalt un- säglich durch den Qualm jenes widrigen Krauts ver- leidet, welcher Nacht und Tag unablässig aus ver- schiedenen menschlichen Schornsteinen hervordampft. Warum verbittest du dir aber das Rauchen nicht, höre ich Dich fragen, da es dir doch den Gesetzen nach zusteht? Weil jeder echte Raucher, antworte ich darauf, durch solches Verbot unfehlbar in eine Gemüthsstimmung geräth, wie eine Löwin, welcher man ihr Junges geraubt hat. Mit mehreren Leuten aber verschiedene Tage in so enger Nähe zu verwei- len, deren jeder, wie ich dieses bereits erlebt, ein I. 1

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Architectur.

Hamburg begründet haben, sondern auch von den lebhaftesten Interesse für jegliche Kunst erfüllt. Mi ungemeiner Befriedigung sah ich ein Haus, welche er an einem der überraschend verschönerten Ufer de Alster für Herrn Abend roth ausführt. Spricht schoi das Aeufsere durch sehr angenehme Verhältnisse un< gute Profile an, so erfreut das Innere noch mell durch die sehr eigentümlichen Einteilungen um eleganten Verzierungen. Mit besonderem Vergnüge gewahrte ich aber zwei Eigenschaften, welche di Begründung und höchste Ausbildung der Architectu bedingen. Die erste ist die solide Durchbildung dt Handwerks, welche ich hier durch alle Theile, voi rohen Mauerwerke und Gebälk bis zu den letzte Verkleidungen, verfolgen konnte. Es ist ein erhebl ches Verdienst dieser neuen Bauschule, ein so wicl tiges Element in Hamburg tüchtig begründet zu h; ben. Die zweite Eigenschaft besteht darin, dafs d( Architect sich sein Werk sogleich mit dem Schmuc der Bildhauerei und Malerei denkt, welche sich dazj verhalten , wie die Blütlie zum Baume. In keine Stücke steht vielleicht die hohe Kunstbildung der Al ten mit der rohen Kunstbarbarei der neuesten Zeit« , i in so grellem Gegensatz. Während auch den Zimine i des kleinsten Bürgerhauses in Pompeji jener, Au ! und Phantasie auf eine bedeutende Weise anregend I malerische Schmuck nicht fehlt, hat unsere Zeit der Regel für die stattlichsten Räume der königlich' Schlösser nichts aufzubringen gewufst, als Tapet von kostbarem Stoff, welche erst durch die Erv* gung ihres grofsen Geldwerths einige Wirkung ln* Vorbringen. Glücklicherweise hat Schinkel bei cs in Berlin durch eine künstlerische Ausschmückung ä

Bild von Overheck.

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den Palais der königlichen Prinzen im feinsten und edelsten Geschmack jene langweilige, echt barbari- sche Pracht zum Theil verscheucht. Chateauneuf hat das Glück, in dem Maler Erwin Spekter einen Künstler gefunden zu haben, der Gefühl für Linie mit dem Sinne für die Art von Composition vereinigt, welche sich für architectonisclie Malerei eignet. Das bedeutendste Bild, welches Hamburg aber jetzt be- sitzt, ist Christus am Oelberge von Overbeck. Eine Gesellschaft von Hamburgern hat es vor zwei Jahren in die Capelle des Krankenhauses gestiftet. Es findet sich darin ganz die Tiefe und Reinheit des religiösen Gefühls, welches Overbeck zu dem ersten Kirchen- maler unserer Zeit macht. Ein solches Bild ist inner- lich erlebt, nicht wie die meisten Kirchenbilder un- serer Tage nur äufserlich mit kaltem Bewufstsein in den einmal hergebrachten Formen zusammengetragen. Auch die Kunstausstellung, welche gerade Statt findet, enthält in den Fächern der Genre- und Landschafts- malerei manches Gute und zeugt für das wohlthätige Wirken des Kunstvereins, welcher sich hier, gleich wie in so vielen Gegenden Deutschlands, seit mehreren Jahren gebildet hat. Ein historisches Bild von Er- win Spekter, der schlafende Simson, welchem die treulose Delila das Haar abschneidet, gewährte durch fleifsige Durchbildung des Nackten, grofse Klarheit der Färbung, besonders aber durch die glückliche, der venezianischen Schule verwandte Behandlung des landschaftlichen Hintergrundes ein sehr lebhaf- tes Interesse.

Nachmittags besuchte ich den mit grofsem Auf- wande zum schönsten Spaziergange umgeschaffenen Wall und die Orte, wo die Gröfsmutter und die El-

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Die Elbgegenden.

tern gewohnt, und ich so oft als Kind gespielt hatte Wie kam mir doch jetzt alles so klein und eng vor So manche fast verblichene Erinnerungen frühste] Jugend traten mit neuer Lebhaftigkeit hervor. Be sonders konnte ich nicht ohne Bewegung das Hau; betrachten, worin ich durch das tägliche Anschauei der mancherlei Kunstwerke, welche mein Vater be safs, die ersten Keime zu der Richtung gelegt, welch« später für mein ganzes Leben bestimmend werdei sollte. Auch der Stamm der in der Wissenschaft aus gezeichneten Männer ist in Hamburg noch nicht aus gegangen. Es freute mich, einige Repräsentanten des selben als Bekannte begrüfsen zu können. Lappen berg, der als Historiker eines europäischen Rufs ge niefst, gab mir noch zwei sehr wichtige Empfelilun gen nach England mit. Bei Ulrich, einem feinei Kenner des classischen Alterthums, fand ich ganz di alte vielseitige geistige Lebendigkeit. Am Sonntag' besuchte ich in der Gesellschaft von Chateauneu und seiner Familie die berühmten Elbgegenden, welch sich auf dem rechten Ufer des Strohms hinzieher Bei den Anlagen der reichen Hamburger daselbst is das bewegte Terrain mit Sinn und Geschmack be nutzt. Der Ausblick auf den grofsen von Schiffe; belebten Strolim, die Anhöhen, welche jenseits ir tiefblauen Ton den Horizont abschliefsen , geben zu gleich allen diesen Parks, von denen sich die de Herren Bauer und Parish am meisten auszei ebner einen grofsartigen Hintergrund und einen seltene Reiz. In den Landhäusern sind die Einwirkunge des neuen, besseren Baugeschmacks bis jetzt leide nur sehr vereinzelt wahrzunehmen. In Art, Umfan und Aufwand sehe ich diese Anlagen als ein würd

Syndicus Sieveking. 7

ges Vorspiel dessen an, was ich mir nach den Schil- derungen des Verstorbenen von den Parks in England versprechen darf. In einem ähnlichen Verhältnisse möchte sich Hamburg selbst zu London befinden ; we- nigstens was den Reichthum und den lebhaften Han- delsverkehr betrifft. Den Mittag brachte ich sehr an- genehm in der Familie des Syndicus Sieveking zu. Er vereinigt auf eine seltene Weise deutsche Herz- lichkeit, Gründlichkeit und Vielseitigkeit der Bildung mit den leichten, bequemen Formen eines Weltmanns, so dafs einem in jeder Beziehung bei ihm wohl wird. Ich sah dort Erwin Spekter und seinen Bruder Otto, der durch seine geinüthlich naiven Fabeln in Bildern, bei Jung und Alt in Deutschland so bekannt und beliebt ist. Ich fand an ihm einen blühenden, sehr anspruchslosen jungen Mann, der solche Dinge nur in Nebenstunden macht. In den bleichen Zügen seines Bruders Erwin, dessen Gesundheit die gröfste Besorgnifs erregt*), spricht sich etwas von jenem ech- ten, aber still glühenden Feuer der Begeisterung aus, welches unserem Schinkel in einem so seltenen Grade eigenthümlich ist, und für jedes feinere Gefühl etwas so wunderbar Anziehendes hat. Sieveking hat einige hübsche ältere Bilder, unter denen mir besonders das Studium eines Pferdes von Pott er in- teressant war, welches er auf Veranlassung meines alten Freundes, des Herrn von Rumohr, gekauft hat. Nur mit Mühe widerstand ich verschiedenen Versu- chungen, noch länger in dieser Gegend zu verweilen.

*) Diese Besorgnisse haben sich leider als nur zu begrün- det bewiesen, denn Erwin Spekter ist im Herbste des Jahrs 1835 gestorben.

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Abfahrt nach London .

Wie gern hätte ich so manche Mitglieder alt befreun deter F amilien aufgesucht, wie gern einige Sammlun gen von Bildern , wie die beiden des Senators J ä nisch und seines Bruders besehen! Am schwerstei ward es mir, eine Einladung von Sieveking, dei Hrn. von Rumohr auf seinem Gute Rothenhausei zu besuchen, abzulehnen, da es mir höchst wichtig gewesen wäre, mit diesem durchgebildeten Kunst freund über so manche Denkmale der Kunstwelt welche sich mir jetzt bald in England aufthun wird Rücksprache zu nehmen. Doch die Erwägung, daß die sogenannte „Season,“ oder die Zeit in London welche durch Oeffnung aller Kunstsammlungen unc Ausstellungen für meine Kunstzwecke die allein ge eignete ist, mit jedem Tage mehr vorrückt, treib mich unaufhaltsam vorwärts, so dafs ich heut Abenc schon an Bord des Dampfschiffs Sir Edward Bankt gehe, welches morgen mit dem Frühsten nach Lon- don losarbeitet.

Zweiter Brief.

London, den 15. Mai 1835.

Nur drei Tage sind verflossen, seit ich Dir vor Hamburg aus geschrieben, was habe ich aber in so kurzer Frist nicht für grofse, mir ganz neue Anschau- ungen gehabt! Ehe ich an Bord ging, führte mich Chateauneuf noch in das Theater, welches, wie Du weifst, nach einem Plan von Schinkel gebaui ist. Die Leichtigkeit und Eleganz der Verhältnisse

Reiseungemach,. 9

des geräumigen Saales machten auf micli den wolil- thätigen Eindruck eines künstlerischen Abscliiedsgru- fses aus der Heimatln Den ersten Theil des näch- sten Tages war ich sehr wohl auf. Mit vielem In- teresse betrachtete ich auf dem Verdeck bald das Ar- beiten der Räder, die mit starkem Gebrause uns mäch- tig vorwärts trieben, und die Bewegung der Wellen, bald das immer mehr hinter uns zurückschwindende Land. Leider mufste aber auch ich bei diesem mei- nem ersten Versuch, ,, flüssige Pfade zu beschiffen,“ wie Homer sagt, gleich den Meisten inne werden, dafs der grofsmächtige Meeresgott Neptunus zur Sipp- schaft des Aesculap gehört, und seinem Grofsneffen durch Verabreichung starker Vomitive auf seinem Ele- ment auf eine garstige Weise in das Handwerk pfuscht. Ich erinnerte mich, dafs Göthe erzählt, wie er bei seiner Ueberfahrt von Neapel nach Sicilien in ähn- lichen Nöthen mit Erfolg eine horizontale Stellung angenommen, und fand auch dieses Mittel, auf meinem Lager in der Kajüte ausgestreckt, ziemlich probat; doch gewährte dafür das beständige Knistern des Schiffs bei der Bewegung der Maschine, das Kra- chen der Wellen, welche das ganze Gebäude wie eine Nufsschaale zusammenprefsten, die Seelenangst endlich, welche mich in jedem engen Raum zu befal- len pflegt, gerade keinen erfreulichen Ersatz. Uebri- gens fehlte es mir nicht an Leidensgefährten ; beson- ders gewährte ein wohlbeleibter Engländer, der in dem Fache unter mir lag in einer ungeheuren, weifsen Zipfelmütze, welche er sich über die Ohren gezogen hatte, und die mit dem rothen, des Bardolph nicht un- würdigen, Gesicht einen schlagenden Contrast machte, einen tragikomischen Anblick. Als ich den zweiten

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Frische Fische.

Tag wieder leidlich munter auf dem Verdeck dem Treiben bei lebhaft bewegter See zusah , wurde die Maschine plötzlich gehemmt. „Wir werden frische Fische bekommen,44 sagte der Capitain, und in dem- selben Augenblick gewahrte ich auch ein Boot, wel- ches von einem ziemlich entfernt liegenden Schiffe abstiefs und bald von einer Welle verdeckt, dann wieder pfeilschnell von dem Gipfel lierabschiefsend, in kurzer Zeit bei uns war. Von den drei Fischern, welche sich in dem Boote befanden, machte ein Moh- renknabe, der halbnackt mit wildem, scharfem Blick zum Schiff emporsah, einen besonders fremdartigen Eindruck. Bei dem starken Gewoge wurde eine ziem- liche Anzahl der frisch gefangenen Meeresbewohner nicht ohne einige Beschwerde lebhaft zappelnd auf das Schiff gebracht, und dagegen zwei Krüge mit Branntwein, die der Capitain mit ungemeinem Be- dacht aus einem gröfseren Gefäfse füllte , hinabge- reicht. Nie werde ich die sehnsüchtig begierlichcn Blicke vergessen, mit welchen die Fischer jene Krüge begrüfsten. Besonders fand ich sie bei dem so öcono- misch bekleideten Mohrenknaben natürlich, da ich. in den Mantel gehüllt, vor Kälte schauerte, und seine schwarze Haut auf eine wärmere Heimath deutete Die Maschine begann wieder zu tosen und in einen Nu war das Boot mit seinem Inhalt im wüsten Meere verschwunden. Am dritten Tage konnte man aus den minder heftigen Wellenschläge abnehmen, dafs wir uns dem Lande näherten, welches denn auch nach einiger Zeit wie ein feiner, schmaler Streif aus den Meer hervortauchend, die Gleichförmigkeit des Was serhorizonts ringsumher auf eine angenehme Weis« unterbrach. Als wir uns aber im Bereich der brei

Einfahrt in die Themse. 11

tcn Bucht befanden, worin die Themse ausmündet, liefs uns die grofse Zahl der Schiffe, welche nah und fern aus- und einlaufend das Meer belebten , gar bald inne werden, dafs wir uns dem Mittelpunkte des Welthandels näherten, nach welchem, wie das Blut nach dem Herzen, so die Erzeugjiisse aus allen Ge- genden der Erde zusammenströhmen, und auch, wenn gleich zum Theil in veränderter Gestalt, wieder in alle Welt zurückfliefsen. In demselben Maafse, als die Bucht sich zur eigentlichen Themse verengte, nahm die Menge der Schiffe zu. Von den gröfsten Linien- schiffen bis zu offenen Booten bewegte sich alles be- quem durcheinander. Allein an Dampfschiffen zählte ich 28, die pfeilschnell durch die andern einherschos- sen. Recht zur gelegenen Zeit fielen mir hier Göthe’s Zeilen auf einen mächtigen Strolim ein:

Cedernhäuser trägt der Atlas Auf den Riesenschultern; sausend Wehen über seinem Haupte Tausend Flaggen durch die Lüfte,

Zeugen seiner Herrlichkeit.

Es that mir gar wohl für diese fremde, gewal- tige Anschauung in dem heimischen Dichter den poe- tischen Ausdruck zu finden, dessen klarer und edler Geist mich so unendlich oft im Leben erquickend be- rührt und von dem ich schon früh mit seinen eignen Worten sagen konnte:

„Du hast mich mächtig angezogen,

An deiner Sphäre half ich lang’ gesogen.“

Die Ufer der Themse, an welchen sich von Gra- vesend ab hin und wieder sehr belebte Orte ausbrei- ten, prangten in einem Frühlingsgrün von der wun- derbarsten Frische, so dafs mir England hier recht

12 Einfahrt in London.

eigentlich als eine smaragdene Insel erschien, wie O’Connel Irland so oft zu nennen pflegt. Am linken Ufer sah ich Woolwich, das ungeheure Kriegsarsenal, und bald darauf Greenwich, eine Anstalt für Invali- den, dessen stattliche Gebäude mit vielen Säulen pran- gen. Als wir bald darauf in den Hafen von London einliefen und ich mich über den Wald von Mastbäu- men verwundernd aussprach, sagte man mir, dafs diese Schiffe nicht viel bedeuten wollten, sondern die eigentliche Masse in verschiedenen Docks, sehr wei- ten, durch Menschenhände ausgegrabenen Bassins, ent- halten wären. So vielfachen und grofsartigen Ein- drücken der belebtesten Gegenwart trat der hohe Bau des Towers mit seinen vier Thürmchen an den Ecken als ein merkwürdiges Denkmal der Vergan- genheit gegenüber. Indefs nicht zu ihrem Vortheil. Die Bilder der Kinder Eduards IV., der Anna Boleyn, der Jane Gray und so vieler dort in den Jahrhun- derten der Willkühr und Tyrannei schuldlos hier Ge- mordeter zogen mir in der Phantasie in düsterer Ge- stalt vorüber. Wenige Zeit darauf war unsere Fahrt vor dem grofsen Zollhause beendigt. Als ein beson- deres Glück mufs ich es aber noch rühmen, dafs das Meer allmählig von dem Zustande starker Bewegung zu dem gänzlicher Stille übergegangen war. Da nun zugleich Sonnenschein mit bewölktem Himmel und Strichregen abwechselte, so war es mir vergönnt, alle Zustände und Wirkungen, welche die berühmten hol- ländischen Seemaler, ein Wilhelm van de Velde, | ein Backhuysen dargestellt, nach einander zu beob- achten. Erst jetzt verstand ich völlig die Wahrheit ihrer Bilder in dem verschiedenen Wellenschläge und die künstlerische Feinheit, aus Wolkenschatten, da-

Customhouse.

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zwischen nah oder fern einfallenden Sonnenlichtern und belebenden Schilfen, eine so anziehende Mannig- faltigkeit in der einförmigen Fläche des Meeres her- vorzubringen. Um den Kreis dieser Anschauungen auf eine recht schlagende Weise zu schliefsen, gab die gütige Natur zuguterletzt noch ein Gewitter zum Besten, fand sich indefs damit, um nicht durch langen Regen zu stören, in seltener Kürze ab.

In dem Customhouse hatte ich nach zweistündi- gem Warten Gelegenheit, die Genauigkeit zu bewun- dern, mit welcher die englischen Zollbeamten ihre Pflicht erfüllen , indem nicht nur jedes Stück meiner Habseligkeiten angesehen, sondern bei den Schuhen die Bemerkung gemacht wurde: „die Sohlen schei- nen einfach zu sein.44 Während dieser ganzen Zeit beruhigte ich meine bisweilen aufsteigende Ungeduld mit dem W'ahlspruche des herrlichen Dulders Odys- seus: „Dulde du liebes Herz, schon Vieles ja hast du erduldet,44 den ich mir bereits seit meinem zehn- ten Jahre, in welchem ich zuerst aus diesem frischen Urquell der Poesie getrunken, in den vielfachen gro- fsen und kleinen Qualen des Lebens mit dem besten Erfolge zugelegt habe. Demohngeachtet war ich sehr zufrieden, als ich mit meinem stümperhaften Englisch einem Miethskutscher die Worte „Mayfair Curzon Street Number seven44 beigebracht hatte, und nun in behaglicher Ruhe diesem Ziele entgegenfuhr. So lange wir in der City, dem alten Mittelpunkte des Handels und Gewerbes von London, waren, „wo am wüthendsten schlägt das Getümmel,44 wie Homer sagt, ging die Fahrt wegen des ungeheuren Gedränges von Fuhrwerken aller Art in den engen Gassen nnr schnek- kenartig vor sich. Ja bisweilen hatte ich bei län-

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Ankunft bei llemi Solly.

gerem Halten die trefflichste Gelegenheit, das emsige Arbeiten in den \\ erkstätten ron Schustern, Schmie- den etc. zu beobachten, deren einige durch maleri- sche Gruppiran g; und schlagende Beleuchtung das \n- sehen von Bildern eines Adrian Ostade oder Schal- ken hatten, und durch ihre Naivetät die künstlich angeordneten lebenden Bilder um \ ieles übertrafen. Endlich in dem „Westend/4 dem geräumigeren und schöneren Theil der Stadt, wo die elegante Welt wolmt, angelangt, ging es dafür desto rascher, so dafs ich bald vor dem Hause des Herrn Edward Solly still hielt.

Ich fühle mich nirgend einsamer und verlasse- ner, als unter einer sehr grofsen Anzahl von Men- schen, von denen mich keiner kennt; dieses Gefühl hatte mich auch einige Mal in dem ungeheuren Ge- wühl dieser \\ eltstadt angewandelt, wo so viele Tau- sende von wildfremden Gesichtern an mir vorüber- gingen, und Du kannst Dir daher leicht denken, welch einen wolilthätigen Eindruck cs auf mich machte, als ich das altbefreundete Gesicht des Herrn Solly sah. und durch die freundliche Aufnahme, welche ich in der Familie fand, mich wie durch einen Zauber mit einem Mal in den so entgegengesetzten Zustand der Heimlichkeit verset zt fühlte'. Meine Empfindung wurde noch durch den Umstand gesteigert, dafs ich mich in dem Wohnzimmer, hier ,.Drawing-room“ gewannt, von trefflichen italienischen Bildern aus der Epoche Raphaels umgeben sah, mich also recht in dem Ilei- ligthume der Welt bildender Kunst befand, deren Studium der Zweck meiner ganzen Reise ist. Ebenso war das Efszimmer (Dining-room) ausgestattet, so dafs ich von meinem ersten englischen Dinner. wrel-

Vorlesung von Faraday.

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dies ich mir nadi der ncptunischen Kur trefflich schmecken liefs, dann und wann nach den Wänden gar erquickliche Blicke richtete. Der Abend wurde auf eine mir sehr interessante Weise zugebracht. Ich besuchte nämlich mit der Familie Sol ly die Royal Institution, eine durch Beiträge von Privatpersonen gebildete Anstalt für wissenschaftliche Zwecke, die ein Ilaus besitzt, worin sich aufser einer gewählten Bibliothek, Apparaten für Naturwissenschaften, einem mit Journalen und Zeitungen aller Art sehr reich aus- gestalteten Lesezimmer, auch ein stattlicher Hör- saal befindet, in welchem von den ausgezeichnetsten Gelehrten populäre Vorlesungen über wissenschaft- liche Gegenstände gehalten werden. Heut Abend hielt der berühmte Physiker Faraday einen Vortrag über die Akustik. Da ich vor Jahren in Breslau bei Stef- fens eine ganze Vorlesung darüber gehört hatte, war mir der Gegenstand nicht fremd. Bei der seltenen Deutlichkeit der Aussprache und der grofsen Präci- sion des freien Vortrages konnte ich daher sehr wohl folgen. Aufser den Untersuchungen unseres Cliladni theilte er neue mit, welche ein anderer ausgezeich- neter Physiker, der Professor W ithstone, welcher zufällig verhindert war selbst zu lesen, auf jene mit vielem Scharfsinn begründet hat. Die Experimente griffen, durchgängig erfolgreich mit einem trefflichen Apparate ausgeführt, überall erklärend und bestäti- gend ein, so dafs die Wirkung auf das ganze, sehr zahlreich versammelte Publikum, unter denen auch viele Damen, durchaus befriedigend war. Dasselbe Gefühl, hatte ich in Bezug auf meine bisherige Reise, worin sich indefs das der Trennung von Dir noch lebhafter einmischte, als es auf meiner Reise nach

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Baron Bülow , von Raumer.

Paris vor zwei Jahren (1er Fall gewesen. NN ie leicht man auch jetzt mit den Dampfschiffen über den brei- ten Rücken des Meeres einherführt, immer macht es für die Phantasie eine stärkere Trennung, ak selbe! eine gröfsere Strecke Landes. NN ie fühle ich jetzt erst ganz die Schönheit von Göthe’s NN orten:

Sie aber ist weggezogen,

NVeit in das Land hinaus,

NVeit in das Land, und weiter,

Vielleicht gar über die See.

Ich tröste mich indefs mit dem Gedanken, dafs ich ja hoffentlich reich mit Studien beladen über das flüssige Element, was dieses Inselland umlluthet. wold- behalten in die Heimath zurückkehren werde.

Dritter Brief.

London, den 18. Mai 1835.

Unser Gesandter, der Baron Bülow. den ich vorgestern sogleich besucht, hat mich mit zuvorkom- mender Güte empfangen, und ich habe gestern mit Freund Raumer nach hiesiger Sitlc um sieben Uhr Abends einen sein angenehmen Mittag hei ihm zu gebracht. Raumer entwickelt hier eine erstaun- liche Thätigkeit; den Tag über von früh an zwischen interessanteil Untersuchungen über Vergangenheit und Gegenwart getheilt, weifs er auch noch den vielfa- chen geselligen Ansprüchen, welche hier bis tief in die Nacht an ihn gemacht werden, vollständig zu genügen. Durch die Güte von Herrn Solly , der

Parks in London.

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mir seine Zeit grofsmüthig geopfert hat, bin ich in den wenigen Tagen schon ziemlich in dieser collos- salstcn aller Städte orientirt. Obgleich Londou schon nach der Zahl der Einwohner, die gegen anderthalb Millionen beträgt, gröfser sein mufs als alle übrigen, wird doch der Umfang gegen andere Städte noch da- durch beträchtlich vermehrt, dafs hier nach englischer Sitte in der Regel nur eine Familie in jedem Hause wolmt. Was aber London vor allen mir bekannten Städten auszeichnet, sind die Parks. Denke Dir mit- ten in einer Stadt die frischesten Rasenflächen von sehr stattlichem Umfang, hin und wieder malerisch mit Bäumen besetzt, von ansehnlichen Wasserspiegeln unterbrochen, und um das ländliche Ansehen zu vollenden grofsc Ileerdcn von darauf weidenden Schaafen oder Kühen; denke Dir endlich den schla- genden Gegensatz der grofsen architectonischen Mas- sen, wie der ehrwürdigen Abtei von Westminstcr, welche aus der Ferne in diese grüne Welt hinein- ragen, und Du wirst Dir eine ungefähre Vorstellung von dem Reiz dieser Parks machen können. Zwei derselben, nämlich St. James- und Green -Park, sind nur von Fufsgängern besucht, in den beiden gröfse- ren aber, Hyde- und Regents-Park, bewegen sich Nachmittags in der jetzigen Jahreszeit hunderte der glänzendsten Equipagen, ganze Schaaren von Herren und Damen auf Pferden, von denen viele selbst das Auge des Meisters von dem berühmten Pferdekopf vom Parthenon entzücken würden, bunt durcheinan- der, und gewähren mit dem Gewimmel der Fufsgän- ger das mannigfaltigste und reichste Schauspiel. Eine andere Eigentümlichkeit Londons sind die Squares, oder mit Bäumen, allerlei Zierpflanzen und Blumen

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Scpiares.

geschmückten Rasenflächen, welche die 'Mitte der mei- sten Plätze einnehmen. Die Anwohner solcher Platze unterhalten diese sorgfältig umgitterten Vnlagen. und haben auch allein die. besonder" für Kinder -o er- quickliche. Benutzung derselben. / stattlich-

sten durch Umfang und Umgebungen "ind Growenor- und der erst neu angelegte Beigrave- Square. Jede der vier Seiten des letzteren wird von einem colos- salen Gebäude umschlossen, welches indelV, näher ' betrachtet, aus vielen einzelnen Häusern bestellt, die nur architectonisch zu einer Masse vereinigt sind. Ein solcher Bau wird meist von einem I nternehmer ausgeführt und vermiethtft, und bat also zieliung mit den Gebäuden im alten Rom Ähnlich- keit, welche Inseln genannt wurden. Man hat be- sonders in neueren Zeilen häufig die»» wählt, um zu imponirenden architectoni zu gelangen, wie sie einer solchen Sladt würdig sind, bei dem Bau abgesonderter Häuser nach dem Bedarf einer Familie aber nicht wohl erreicht werden kön- nen. Die grofsen Gebäude dieser Art halfen indefs dadurch immer einen 1 ebelstand, dafs die einzelnen Eintlieilungcn, die Stockwerke, die Fenster, die Thö- ren, nicht im Verhältnis zur Masse des Ganzen, son- dern zu dem der einzelnen Wohn KHMMB

werden müssen, wodurch sie kleinlich werden und dem Ganzen leicht ein casernenartiges Ansehen ge- ben. In ddr Entfernung thun sie inde s immer dadh die Gesammtmasse eine grofse W irkung. w ie die so- genannten Terrasses beweisen, welche theM weise den Regentspark einfassen. Mit sehr richtigem Gefühl, in Beziehung auf die l mgebungen, hot nun liier diese I colossalen \ crhällnisse gewählt) indem bei der fleht

Bauart.

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grofscn Ausdehnung des Parks selbst schon ansehn- liche Gebäude ganz verschwinden würden. Alle die . neueren Häuser von einigem Umfange sind abge- putzt und haben meist einen hellen Anstrich. Da- gegen stehen hei den älteren und gewöhnlichen Häu- sern die Ziegel, woraus sic gebaut sind, zu Tage. Nur in den ersten Jahren kann man sehen, dafs diese von gelber Farbe sind, denn bald zieht der Kohlen- staub seinen Schleier dicht und dichter über sie und sie tauchen in das allgemeine Element des Grau, wo- durch London ein so einförmiges und melancholisches Ansehen erhält. Die Ersparung des hier so wichti- gen und kostbaren Raums hat hier die Einrichtung zuwege gebracht, dafs sich die ganze Occonomie des Hauses, Küche, Leutezimmer etc., im Kellerge- schosse der Häuser befindet. Während sich nun die Leute den Tag über in diesen Räumen befinden, ha- ben sie ihre Schlafzimmer unter dem Dache, so dafs sic, gleich den Dioscurcn, aber auf eine mit den Tags- zeiten in Widerspruch stehende Weise, zwischen Un- ter- und Obenveit gctheilt sind. Das Aeufsere dieser gewöhnlichen Häuser ist nun höchst einfach, und ge- währt aufser der netten und scharfen Fügung der Zie- gel keinen architectonischen Reiz. Dafür sind aber viele der gröfseren, pallastartigen Gebäude desto mehr mit architectonischem Schmuck aller Art, mit Säulen und Pilastern ausgestattet. Aus zwei Gründen ma- chen indefs diese meist durchaus keine erfreuliche Wirkung. Einmal fehlt es an Durchführung einfacher Hauptlinien, welche in der Architectur für grofsar- tige Gesammtwirkung unerläfslich sind, und denen selbst der reichste Schmuck streng untergeordnet sein mufs. Sodann sind die verzierenden Glieder ganz

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DU fs gehurten von ISash.

willkührlich, ohne durch ihre ursprüngliche Bedeu- tung, oder einen bestimmten Zweck des Gebäudes mo- tivirt zu sein, angebracht Am ärgsten ist der l nfngj der in dieser Beziehung mit den Säulen getrieben wird; diese, ursprünglich tragende G eder, weldn^ in Reihen gestellt, bei den Gebäuden der Alfa im Gesammteindruck einer durch broeheneu NN and lier- Yorbringen, welche eine Seite eines dahintcilicgei»- den Raumes trägt, sind hier unzählig oft als ganz müfsigc Knechte unmittelbar vor einer NN and aufge- reiht. Am schwersten trilft dieser Tadel die nicht cn Gebäude des erst kürzlich verstorbenen Arrhitcclen Nash. In der Tliat ist er einzig, selbst den Dimen- sionen nach ansehnlichen Massen durch Zersplittenmt in eine Menge kleiner. \ur- und zurückspringender Theile alle Wirkung zu rauben; im Gebrauch der < verschiedensten Formen und Ornamente aber ist er so willkührlich, dafs mehrere seiner Gebäude. 11a- ) mentlich der neue königliche Pallast. Burkingliam- house, und einige in der Nähe von NN aterlooplace, i das Ansehen haben , als ob ein böser Zauberer eine recht grillenhafte Tlieat erdecorat ion mit einem mal in Wirklichkeit verwandelt hätte. Fast noch bizarrer ist dieser Architecl in einigen Kirchen, I. Bi der Al- lerseelen-Kirche am Ende von Rcgentsstrect, einem in zwei Stockwerken mit ionischen und corinthischen Säulen verzierten Rundbau, woraus sich ein spitzer Zuckerhut erhebt. NN as soll man aber vollends dazu sagen, dafs die Engländer« welche zuerst das übrige j Europa m